Generation @.

From: kris@schulung.netuse.de (Kristian Köhntopp)
Newsgroups: de.soc.netzwesen
Subject: Generation @
Date: 24 Jul 1996 21:29:40 GMT
Message-ID: <4t64k4$9uj@white.schulung.netuse.de>


[ OK, ich geh' jetzt doch lieber ins Bett. ]

Ihr seid unsere Eltern. Ihr steht morgens auf und fahrt zur
Arbeit ins Buero. Oder ins Werk. Ihr geht mittags in die
Kantine und abends setzt Ihr Euch vor den Fernseher. Oder Ihr
geht in die Kneipe, um Freunde zu treffen.  Zu Weihnachten und
zu Geburtstagen bekommt Ihr Post von Bekannten und versprengten
Mitgliedern der Familie. Und am Wochenende fahrt Ihr raus in
Gruene oder in den Actionpark da unten im Sueden.

Wir haben unsere Pubertaet vor irgendwelchen Fernsehern
verbracht, beschaeftigt damit, geheimnisvolle Zeichenfolgen in
sinnlose Geraeusch- und Grafikeffekte umzuwandeln. Wenn es dann
geklappt hat, sind wir im Freudentaumel aus dem Keller
gestuermt und haben von Euch nur verstaendnislose Blicke
geerntet. Oder wir haben seit einigen Jahrzehnten jede
Weihnachten neues Spielzeug gekauft und lange Naechte dem
knistern und quaeken irgendwelcher Sender in fremden Laendern
gelauscht. Und wenn wir dann frueh morgens mit dicken Ringen
unter den Augen ins Bett gekrochen sind, haben wir von Euch nur
ein unwirsches Murmeln geerntet. Wir haben gespielt und ihr
habt darueber gelaechelt: Fasziniert von Blinkenlights,
gefesselt von kleinen schwarzen Kaefern. Ihr habt Witze ueber
uns gemacht.  

Und wir haben weiter unsere kleinen Kabel verlegt. Ueberall.
Und damit haben wir Euch inzwischen die Welt gestohlen.

Ihr steht morgens auf und fahrt zur Arbeit ins Buero. Und da
stehen sie nun, die Kabel und die Blinkenlights. Das
LotusNotesWindows95SAPOfficeAutomationNetz ist da. Oder ins
Werk. Wo jetzt eine CNC Maschine Teile herstellt, die von einem
Roboter unter die automatische Qualitaetskontrolle gelegt
werden. Mittags in der Kantine steckt Ihr die Chipkarte in die
elektronische Kasse, um Euer Essen zu kaufen. Und abends setzt
Ihr Euch vor den Fernseher und schaltet die Set-Top-Box ein, um
ein Abendprogramm zu kaufen. In dem der Bunderkanzler ersten
Musterdrucke der brandneuen Euro-Noten vorstellt. "So ein
Unsinn" hoert Ihr uns sagen. "Wir haben eCash - wozu sollten
wir das ausdrucken?"

Oder Ihr geht in die Kneipe, um festzustellen, dass an der
Stelle jetzt ein Internet-Cafe aufgemacht hat. Zu Weihnachten
oder zu Geburtstagen bekommt Ihr Post von versprengten
Mitgliedern der Familie. Nur dass jetzt seltsame Absender
darauf stehen und Saetze wie "Ich habe mir jetzt eine eMail
Adresse zugelegt." oder "Fax mal wieder." Aber Ihr seid stolz
darauf, nichts neueres in die Hand zu nehmen als ein Telefon.

Welches Telefon uebrigens? Denn Eure Tochter hat das Telefon
abgemeldet und stattdessen ISDN legen lassen. "Ist billiger,
Papa. Und bequemer." Und einen Brockhaus hat sie sich besorgt,
da auf dieser komischen Silberscheibe. "Ist billiger, Papa. Und
bequemer." Ihr kennt das schon.


Als Ihr jung ward, da seid Ihr offen aufgestanden und habt
gegen Eure Eltern kaempfen muessen. Ihr habt ihnen die Welt
abgerungen, in einem offenen und fairen Kampf, damals, als wir
geboren wurden. Und dann habt Ihr so weitergemacht wie sie. Wir
sind anders.  Wir haben sie Euch gestohlen, Stueck fuer Stueck.
Arbeit, Freizeit, Geld, Telefon, Post, Kneipe, ... Ohne dass
Ihr es gemerkt habt. Und wir haben sie umgebaut, klamm und
heimlich.

Inzwischen sind einige von Euch aufgewacht und haben gemerkt,
dass diese Welt nicht mehr die ist, fuer die sie die Regeln
gemacht haben. Jetzt muessen sie schnell neue Regeln machen,
fuer eine neue Welt, die sie nicht verstehen.

Macht nur. Noch vier Jahre bis ins naechste Jahrtausend. *Wir*
sind die Generation @.

-- 
Kristian Koehntopp, Wassilystrasse 30, 24113 Kiel, +49 431 688897
"*platsch*
 ("plonk" macht es nicht mehr. Ueberfuellung :-()"
        -- Rainer May, de.admin.news.daily.soap

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Last-modified: 1999-08-07
Wolfgang Kopp <wk@wolfgang-kopp.de>